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In nebeligen Zeiten VII

Corona Tagebuch Woche 7

Wetterbetrachtungen haben ja eher den Charakter von Verlegenheitskommunikation. Ein strahlend blauer Himmel, so wie wir ihn seit sieben Wochen in Hamburg erleben, ist allerdings erwähnenswert.

Sinkende Emissionswerte, Erderwärmung oder andere Umweltphänomene scheinen mir als Erklärung unzureichend. Dieses strahlende Blau und die vielen Sonnenstunden sind fast wie tröstende Streicheleinheiten in Quarantäne Zeiten.

Der Hafen empfängt mich auf dem Weg zur Arbeit mit genau diesem Himmel. Ein Traumwetter. Touristen bevölkern die Brücke von der U-Bahn Landungsbrücken, genießen den Blick auf den Hafen und erkunden die Abfahrtszeiten der Barkassen – normalerweise. In Corona Zeiten alles menschenleer. 

Ich lasse die Hafenfähre ohne mich ablegen und gehe zu Fuß. Meine anfängliche Freude über die fehlenden Menschenmengen weicht schnell Beklemmung. Kaum Schiffsverkehr auf der Elbe, Barkassen die vor sich hindümpeln, keine laut anpreisenden Ticketverkäufer für die begehrte Hafen Rundfahrt und weiter hinten die Ladekrähe im Containerhafen, ohne die typische Hafenmusik, das hohe Piepen beim Be/Entladen. Hier, im Herzstück dieser Stadt, hat der Shutdown für mich das erste Mal etwas Beängstigendes. Am Abend auf dem Rückweg ist die Hafenmauer dann gesäumt von Großstädtern, die mit der „Corona Flasche Bier“ in der Hand die Abendsonne genießen. Zuversicht.

Die zweite Neuerung in dieser Woche ist die durch die Lockerung angeordnete Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr. Gleich der erste Speditionsfahrer bringt mich an diesem Arbeitsvormittag an meine Grenzen. Oder treffender, er hält sich nicht an meine, deutlich markiert durch einen Strich vor unserem Büro. „Alles totaler Quatsch hier mit diesen Maßnahmen, Mindestabstand und so. Von wegen Maske, bringt alles nichts.“  Meine Bitte sich entsprechend zu verhalten endet mit (s)einem Monolog über inkompetente Virologen, unfähige Politiker und unwissende Wissenschaftler. 

Woher hat der Mann sein fundiertes Wissen. „Kann man alles im Internet nachlesen. Aber auf den richtigen Seiten!“ Sein verschwörerischer Blick läßt mich die Frage, welches die richtigen seien, runterschlucken. Toilette, Türgriffe und Kugelschreiber kann ich danach desinfizieren, auf meiner Fassungslosigkeit bleibe ich sitzen.

Im Laufe der Woche verändert sich das Stadtbild deutlich. Viele Menschen tragen die Masken nicht nur wie vorgeschrieben, sondern durchgängig. Der Markt für selbstgenähte Alltagsmasken aus Baumwollstoffen boomt.  Wie schnell sich auch hier der modische Aspekt durchsetzt. Mein persönlicher Favorit ist eine knallrote ffp-3 Maske die eine ganz in schwarz gekleidete Dame trägt.

Die Schutzmaske, ein vom Ursprung her funktionales, pragmatisches Stück Schutzkleidung, wird zum Modeaccessoires und damit zu etwas Alltäglichem. Die Zeit, in der Corona als Krise erlebt wird, beginnt sich damit zu der viel besprochenen neuen Normalität zu entwickeln.